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Aktueller Freundesbrief

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Vor der Wahl ist nach der Wahl

Von Helena Bähr (zur Zeit Studentin in Klausenburg/Cluj-Napoca/Kolozsvár)

Rumänien in guten Händen. Sie mit sich - Wir mit euch. Weiter zusammen. Ein Mann für ein gutes Rumänien. Glaubwürdigkeit, Treue, Verantwortung. Wähl für dich. Wahlsprüche, die zur Zeit auf vielen Plakaten in Klausenburg zu sehen sind. Für die Zeit nach den Parlamentswahlen am 30. November versprechen die politischen Parteien Rumäniens vieles. Aber glauben die Wähler ihnen? Was halten sie von ihren Politikern? Wem werden sie ihre Stimme geben? Und welche Probleme müssen ihrer Meinung nach von den Gewinnern der Wahl gelöst werden?

Die Meinungen der Menschen in Rumänien über ihre Politiker reichen von Pauschalisierungen wie: „Die sind doch sowieso alle korrupt“ bis zu Einschätzungen wie der folgenden eines Professors der Babes-Bolyai-Universität Klausenburg, Flaviu Calin Rus: „Die rumänischen Politiker müssen noch etwas ganz wichtiges lernen, nämlich glaubwürdig zu sein. Sie machen keine konsequente Politik, sie versprechen etwas, und handeln nach der Wahl völlig anders. Glaubwürdigkeit schaffen bisher nur die Politiker in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern.“
Wie werden die Menschen in Rumänien bei der Wahl mit dem Wissen umgehen, dass sie eigentlich keinem Versprechen glauben können? Antworten auf diese Frage hören sich hier so an: „Ich gehe nicht wählen. Ich habe sowieso keine Ahnung, wie das alles funktioniert.“, „Ich werde zur Wahl gehen, weiß aber noch nicht, wer überhaupt kandidiert.“, „Man hat schon eine Wahl, nämlich zwischen der mehr und der weniger korrupten Partei“. In einer Umfrage, die Ende Oktober vom CURS-Institut im Auftrag der Zeitung EVZ durchgeführt wurde, äußerte sich ein Drittel der Befragten überhaupt nicht zu der Frage, wen sie wählen würden, wenn am Sonntag Wahl wäre. Der Rest der Befragten würde zu 32% die PDL (Demokratisch-Liberale Partei) wählen und zu 31% die Allianz PSD-PC (Sozialdemokratische Partei und Konservative Partei). Die Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Tariceanu (PNL – Nationalliberale Partei) liegt mit 18% deutlich dahinter. Der Ausgang der Wahl ist ungewiss.

Welche Partei auch immer die Wahl gewinnt, sie sollte laut Meinung der Wähler folgende drei Probleme lösen. Allen voran das Problem der niedrigen Löhne. Eine sehr wichtige Berufsgruppe, die Lehrer, bekommt ein Gehalt, von dem niemand leben kann. „Die sagen immer, wir müssten uns an die EU anpassen, deswegen haben wir auch genau dieselben Preise wie in Deutschland. Aber bei den Löhnen und Gehältern, da soll das EU-Niveau plötzlich kein Maßstab mehr sein.“ Mit den niedrigen Löhnen hängt das Problem der Abwanderung tausender Rumänen ins westeuropäische Ausland zusammen. Die PSD hat sich dieses Problems gleich in einem Wahlwerbespot angenommen. Dieser zeigt ein kleines Mädchen, welches mit dem Finger über die Europakarte fährt und mit trauriger Stimme sagt, sie wünsche sich, dass ihre Familie wieder zusammenkommt. Ein drittes Problem ist die Korruption. In Rumänien ist sie nicht nur ein Phänomen in der Wirtschaft. Sie reicht in die Politik und sogar auch in den Alltag der ganz normalen Leute hinein.

Wird nun die PSD mit ihrem Versprechen gewinnen, die Abwanderung zu stoppen? Oder eher die PDL, der eine größere Kompetenz in der Bekämpfung der Korruption zugesprochen wird? Und welche Versprechen werden umgesetzt, wenn die Wahl vorbei ist?

„Nach der Wahl wird sich nicht viel ändern. Die Politiker, die jetzt an der Macht sind, wollen nichts ändern. Sie sind korrupt und nur auf Profit aus. Die, die wirklich etwas ändern wollen, werden gar nicht erst in den erlesenen Kreis der Mächtigen hineingelassen.“

„Gefährlich wäre es, wenn bei der Parlamentswahl keine klare Mehrheit zustande kommt. Dann müssen die beiden großen Parteien zusammenarbeiten und nichts wird sich bewegen.“

Eines der beliebtesten rumänischen Wörter ist „a se descurca“ – sich zurechtfinden. Egal was nach der Wahl aus den Versprechen der Parteien wird, „ne descurcam“, wir finden uns zurecht.

Veröffentlicht am 11.11.08

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