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Aktueller Freundesbrief

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Interview mit der Leiterin des Jugendbildungszentrums

Hajnalka Máteffy„Wir wollen innerhalb der Stadt ein Motor sein - ein Ort, wo Jugendliche sich bilden können und ziviles Engagement lernen, wo sie erfahren, welche positive Kraft in ihnen steckt.“

Im Gespräch: Peter Großmann sprach mit Hajnalka Máteffy, der Vorsitzenden des Vereins Fehérlófia, über die Arbeit im neuen Jugendbildungszentrum „Kerekudvar“

Bautzen, am 9. November 2009.

Peter: Hajnalka, ihr seid für dieses Jahr durch die Walter-Gastreich-Stiftung gefördert worden. Für welche Mitarbeiter und Aktivitäten habt ihr die Fördermittel verwendet?

Hajnalka: Nacheinander sind drei Personen eingestiegen in die Förderung. Ich war als Leiterin des Projektes die Erste ab August auf einer 70-Prozent-Stelle, und das bleibt wohl auch erstmal so. Dann kam Gabriella Lörinczi, sie arbeitet seit November mit 100 Prozent. Als drittes förderten wir Kinga Balazs, sie arbeitet auch mit 100 Prozent, ebenfalls seit November.

Zusätzlich haben wir noch Honorargelder eingeplant. Dafür beauftragen wir einen freien Mitarbeiter mit der Akkreditation. In Rumänien müssen sich schließlich alle sozialen Organisationen derart registrieren und genehmigen lassen...

Das Problem ist, dass diese Genehmigung eng mit dem Betrieb des neuen Hauses zusammenhängt. Wir beantragen sie nicht nur für unsere soziale Arbeit, sondern es hängen auch alle anderen Genehmigungen daran, wie zum Beispiel der Brandschutz oder auch schon die gesamte Baugenehmigung für den Betrieb des Hauses. Wir beginnen jetzt, alle Unterlagen zu erarbeiten, wissen aber noch nicht genau, wie hoch das nötige Honorar wird: zwischen 500 und 700 Euro wird das kosten.

Wir haben noch ein weiteres Honorar eingeplant für einen Mann, sein Name ist Joseph Simoffy. Er ist Angestellter beim Verein „Ein Haus für Morgen“ und wir wollen ab dem kommenden Jahr mit ihm arbeiten. Er hat früher schon als Erzieher im Kinderheim gearbeitet und ist jetzt angestellt als eine Art Kulturmanager. In seiner jetzigen Arbeit ist er verantwortlich für das Jugend-Blasorchester und er soll ein ähnliches Kulturprogramm auch bei uns leiten, mit unseren Kindern aus dem Kinderheim. Du kennst die Gruppe „Árvácskák“?

Peter: Ich habe davon gehört, ja.

Hajnalka: Das wäre schön, wenn wir so etwas auf die Beine stellen könnten. Das wäre ein Jugendchor ähnlich wie TenSing, aber nicht mit englischen Liedern, sondern mit dem Schwerpunkt auf traditioneller ungarischer Musik. Und das wäre Josephs Aufgabe: so eine Jugendgruppe aufzubauen, komplett mit jungen Musikern und Instrumenten und allem was dazugehört.

Peter: Du hattest vorhin die drei Personen genannt, die fest bei euch angestellt sind. Du, Gabriella und Kinga. Was sind konkret deren Aufgaben und was für eine Rolle spielen sie im Verein?

Hajnalka: Nun, ich habe die Leitung inne, gestaltet die Beziehungen zu Deutschland und bin Anleiterin für die soziale Arbeit und das Funktionieren des Hauses. Das heißt, anfangs bin ich an fast allen Programmen beteiligt. Manchmal gebe ich Beratung für einzelne junge Menschen. Und dann bin ich noch für die sozialpädagogische Anleitung der drei deutschen Freiwilligen verantwortlich. Soviel zu meiner Arbeit.

In Gabriellas Arbeitsbereich fällt es, Förderprogramme und Gelder zu akquirieren. Außerdem gestaltet sie einige Programme. Sie hat zum Beispiel eine Fortbildung besucht für psychologisches Training zur Selbsterkenntnis. Das bietet sie als Einzelberatung für die Heimjugendlichen an. Für manche Programme ist sie komplett verantwortlich, zum Beispiel organisiert sie gerade einen Weihnachtsmarkt für die ganze Stadt.

Kinga wiederum hat neben administrativen Aufgaben, wie zum Beispiel Rechnungen bezahlen oder Behördengänge, die Verantwortung für ein ganz besonderes Programm: Sie soll eine Puppentheatergruppe aufbauen, mit der wir auch überregional auftreten können. Wir denken, dass ein solches Projekt für die Kinder aus dem Kinderheim ganz wichtig wäre: etwas, worauf sie besonders stolz sein können. Insgesamt gestaltet sie verschiedene Programme für die Kinder und Jugendlichen.

Peter: Was denkst du - Wie wird sich die Arbeit im nächsten Jahr entwickeln mit dem neuen Jugendbildungszentrum? Wo siehst du die Schwerpunkte eurer Arbeit?

Hajnalka: Zuerst führen wir natürlich die soziale Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen aus dem Kinderheim fort. Dann geht es uns darum, die Räume des Jugendbildungszentrums als eine Art Gemeinschaftshaus auch anderen Gruppen aus der Stadt anzubieten.

Die Arbeit mit den Heimjugendlichen ist psychologisch und therapeutisch geprägt. Wir bieten ihnen tägliche Programme an. Das Konzept dahinter ist eine betreuende Sozialarbeit, mit der wir Entwicklungsdefizite der Jugendlichen heilen wollen.

Wichtig ist uns auch die Integration dieser jungen Menschen in das Gemeinwesen. Deshalb öffnen wir das neue Zentrum für andere Gruppen aus der Stadt. Zum Beispiel hat uns sogar die Polizei gebeten, dass wir sie an unserer Arbeit beteiligen. Sie repräsentieren eine rumänische Bevölkerungsgruppe und möchten als solche an unseren Programmen teilnehmen, zum Beispiel auch zu Ausflügen mitkommen. Ich denke, Sie wollen ihr Image verbessern, denn es gibt ja immer noch Spannungen und Vorurteile zwischen den ethnischen Gruppen.

Wir wollen eine Vermittlerrolle spielen zwischen der ungarischen Mehrheitsbevölkerung und den rumänischen Bevölkerungsgruppen in der Stadt. So bieten wir zum Beispiel schon seit mehr als zwei Jahren Rumänisch-Unterricht für die ungarischstämmigen Jugendlichen an.

Ein weiterer wichtiger Bereich ist die international geprägte Arbeit, die Vermittlung von europäischen Werten und Kultur. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir Sommerlager, also internationalen Jugendaustausch, organisieren und schon seit Jahren deutsche Freiwillige in unserem Projekt aufnehmen.

Ein ganz wichtiges Ziel ist es, dass wir den Verein noch stärker in europäische Strukturen einbinden und Teil von multilateralen Partnernetzwerken werden. Auch dafür wird Gabriella Lörinczi verantwortlich sein. Sie war deshalb bereits im Oktober zu einem EU-Seminar in Bautzen, wo Grundlagen für ein europäisches Netzwerk in der Jugendarbeit gelegt wurden. Unser deutscher Partner ist dafür der Verein Steinhaus Bautzen mit seinem soziokulturellen Zentrum.

Insgesamt könnte man diesen Bereich nicht nur mit dem Titel „Integration“, sondern auch mit „Friedensarbeit und Versöhnung“ überschreiben.

Schließlich steht im Fokus unserer Arbeit das Thema „Jugendliche und ziviles Engagement“. Das heißt Bildung, Seminare und Vorträge, Projekte gemeinsam mit den Jugendlichen zu gestalten. Wir wollen innerhalb der Stadt ein Motor sein - ein Ort, wo Jugendliche sich bilden können und ziviles Engagement lernen, wo sie sich selbst besser kennen lernen können und erfahren, welche positive Kraft in ihnen steckt.

Peter: Welche Gruppen wollt ihr innerhalb der Stadt erreichen und was sind das für Menschen, die das neue Haus nutzen werden?

Hajnalka: Es gibt so wenige räumliche Möglichkeiten in der Stadt, dass wir uns überhaupt nicht abzugrenzen brauchen. Wir haben schon von den verschiedensten Gruppen Anfragen bekommen. Zum Beispiel von Schüler- oder Lehrergruppen, die etwas außerhalb der Schule machen wollen. Oder Eltern, die auch nachmittags Unterricht für ihre Kinder geben wollen und keinen Platz dafür haben. Auch andere Initiativen, sogar Rentner und auch die Polizei wollten schon unsere Räume mieten.

Peter: Wo siehst du in eurer Arbeit die größten Schwierigkeiten und Herausforderungen?

Hajnalka: Zum einen das Geld, die Strukturen vor Ort und unsere Mitarbeiter. Es ist sehr schwierig, geeignete Mitarbeiter zu finden. Ausgebildete und motivierte Mitarbeiter für Sozialarbeit, die zudem noch Erfahrung mitbringen sollen, sind in unserer Region selten.

Das Geld und die Finanzierung der Arbeit ist weiterhin ein schwieriges Thema. In Rumänien gibt es immer noch nicht die Strukturen, die eine solche Arbeit langfristig absichern können. Unsere Hoffnung ist dabei der europäische Rahmen, dass wir uns einbinden in die Strukturen des EU-Programmes „Jugend in Aktion“.

Was auch die Arbeit erschwert, ist die sinnlose Bürokratie. Aber nicht nur die Bürokratie, sondern auch die gesamte Mentalität der Leute hier: es gibt einfach zu wenig ziviles Engagement. Die Stadtführung und die Politiker sind nicht besonders sozial eingestellt, dieses Thema hat für sie keinen Vorrang. Wir haben schon so oft gemerkt: sie sind gut im Schulterklopfen, aber viel lieber wäre ihnen doch ein wirtschaftlicher Investor.

Was unsere Arbeit noch behindert, sind die starken Strukturen des Kinderschutzbundes, der als Vormund für die Heimkinder verantwortlich ist. Sie stellen uns oft Steine in den Weg.

Peter: Was macht eigentlich den Unterschied aus, vor allem im Hinblick auf das nächste Jahr, ob ihr weiter eine Förderung durch die Walter-Gastreich-Stiftung bekommt, oder nicht? Was wäre möglich, was ohne die Förderung nicht geht?

Hajnalka: Wir hatten bisher immer nur einen Mitarbeiter. Jetzt haben wir ein richtiges Team. Das macht schon einen großen Unterschied! Damit können wir viel mehr erreichen und nun auch die Arbeit aufteilen nach den Begabungen der einzelnen Mitarbeiter und so viel wirksamer agieren.

Wir stehen dann nicht so sehr unter Druck, weißt du. Ich glaube, es gibt einfach nicht so eine große Unsicherheit in Bezug auf unsere Arbeit. Bisher wussten wir immer nicht, ob wir nächstes Jahr noch Angestellte sind. Jetzt können wir wirklich längerfristig planen, auch mit einem stabilen Mitarbeiterkreis. Das ist natürlich sehr, sehr wichtig. Wir können einfach stabiler arbeiten und denken.

Das ist ein ganz anderes Gefühl von Sicherheit für die Mitarbeiter. Und auch für den Einzelnen als Mensch... In Rumänien gehört es noch immer zu dem täglichen Gefühlen, dass man sich die Frage stellt: Wie überlebe ich? Diese Frage müssen jetzt die Mitarbeiter nicht ständig vor sich haben. Sie haben erst einmal für zwei Jahre Sicherheit und können ihre Arbeit so gut entwickeln.

Ohne die Förderung der Walter-Gastreich-Stiftung würden die Personakosten wieder ganz zu Lasten der Rumänieninitiativgruppe Bautzen gehen. Dann wäre – wenn überhaupt – nur eine Minimalbesetzung möglich. Du weißt ja, dass der Kauf und Ausbau des Hauses den Verein schon sehr viel Kraft gekostet hat. Ohne weitere Hilfe blieben die Chancen und Ressourcen des neuen Hauses weitestgehend ungenutzt.

Außerdem müssen künftig ohnehin immer auch Beträge für Honorare eingeplant werden. Vom Referenten bis zum Hausmeister werden ja auch noch Beträge fällig.

Peter: Vielen Dank, Hajnalka, für unser Gespräch. Ich wünsche euch mit dem neuen Haus alles Gute! Seit ich selbst für zwei Jahre als Freiwilliger bei Fehérlófia war, weiß ich, wie wichtig eure Arbeit ist. Wir werden als Rumänieninitiativgruppe Bautzen alles tun, um euch dabei zu unterstützen. Hab eine gute Heimreise - Isten veled!

Hajnalka: Auch ich bedanke mich. In Székelykeresztúr sind wir froh, in eurem Verein solch einen verlässlichen deutschen Partner zu haben. Bitte richtet der Walter-Gastreich-Stiftung auch im Namen der Kinder und Jugendlichen aus dem Kinderheim unseren herzlichsten Dank aus! Wir hoffen sehr, dass eine weitere Förderung gelingt.

Im Internet: Walter-Gastreich-Stiftung

Veröffentlicht am 23.11.09

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