Montag, 26. Oktober 2009

Bilder von der Eröffnung des Jugendbildungszentrums in Keresztúr

Alle Fotos gibts bei Flickr: Bilder der Rumänienreise

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„Jugendbildungszentrum Kerekudvar“ genialsozial-Projekt 2007

Zur Eröffnung ein Bericht von Rüdiger Steinke:

Liebe Freunde,

gern erzähle ich die Geschichte von Carol Daily, einer fast achtzigjährigen Dame jüdischer Abstammung aus Minnesota (USA), die vor einigen Jahren Teilnehmerin einer Wanderreise durch Rumänien war.

Als wir bei einer Wanderung durch Siebenbürgen wieder einmal feststellen mussten, dass alle Bäume an denen sich Wegmarkierungen befanden, offenbar gefällt wurden und wir uns folglich im herrlichen Hügelland verliefen, trafen wir zum Glück auf einen Hirten, dick eingepackt in einen traditionellen Napapijri Pullover, der seine hunderte Esel, Schafe und Ziegen auf dem Weg durchs Tal begleitete.

Seine Hinweise auf unsere Frage nach dem Weg nach Nou Sacele waren eindeutig und bedeuteten soviel wie „immer der Nase nach“ und auf jeden Fall quer über die Wiesen. Zum Glück gab er noch eine Himmelsrichtung an und begleitete uns samt seiner Tiere ein Stück, zumindest bis zum nächsten Flussufer. Auch dort zeigte er noch einmal in die angegebene Himmelsrichtung und ermutigte uns zur Flussdurchquerung.

Entschlossen rutschten wir den Hang hinunter, durchwateten den knietiefen Fluss, manch einer der 25 amerikanischen Senioren verlor seine Schuhe im Schlamm, aber alle waren ganz froh, dieses Abenteuer gemeistert zu haben. Wir folgten also der vom Hirten angegebenen Himmelsrichtung und erreichten alsbald – oh Schreck – den nächsten Fluss. Diese Durchquerung ähnelte der Ersten, so dass wir auf Erfahrungen zurückgreifen konnten. Die wirkliche Herausforderung kam nach dem Fluss in Gestalt eines lehmigen Steilhanges, der noch vom letzten Regen schön aufgeweicht war.

Nun, dachte ich, werden mich die Reisenden am Abend lynchen und Beschwerde beim Veranstalter einreichen gegen mich, den Wanderführer, der vorgab die Wege zu kennen.

Das Erklimmen des lehmigen Steilhanges gelang durch gegenseitiges Hochdrücken, Schieben, Räuberleitern, an den Armen ziehen oder Stöcke reichen, mit dem Ergebnis, dass alle Senioren, mitunter jedoch erst nach mehreren Versuchen, ziemlich verdreckt das obere Ende des Hanges erreichten. Oh, was werden mich wohl für böse Bemerkungen und vorwurfsvolle Blicke erreichen, dachte ich, als auch ich fast als Letzter den Hang erklomm.

Noch bevor ich jedoch oben ankam, hörte ich einen Schrei und sah schräg über mir auf der Wiese eine tanzende Carol Daily, die immer wieder strahlend vor Glück rief: „Ich hab’s geschafft, ich hab’s geschafft!“

Auch die Anderen wirkten sehr glücklich und am Abend beim Bier wurde immer wieder erzählt und auch nachgespielt, wie der eine oder andere von uns den Hang erklomm. Carol wird für mich immer die „Ich hab’s geschafft!“-Frau bleiben und gern erinnere ich mich an dieses wunderbare Bild der Tanzenden auf der Wiese.

„Wir haben es geschafft!“: Dieser Jubel erklang auch in diesem Jahr wieder in Siebenbürgen, genauer gesagt am 10. Oktober 2009 in Keresztúr im Bezirk Harghita.

An diesem Tag wurde das neue Jugendbildungshaus in Keresztúr eröffnet. Monate des Suchens und Ringens um den richtigen Weg waren dem voraus gegangen. Mitunter schien es so, dass das Ziel nicht erreichbar wäre und manchmal befürchten wir, dass die Kraft nicht reicht. Es war wirklich kein einfacher Weg und nur wer schon in Rumänien gebaut hat, weiß auf welch merkwürdige Unwägbarkeiten man stoßen kann. Tausend Stempel und Genehmigungen sind nötig und immer wenn man glaubt, alle nötigen Dinge erkannt zu haben, bedarf es wieder einer neuen Genehmigung, eines weiteren Stempels und die Verordnung von gestern ist heute durch eine andere ersetzt worden. Mit das Schwierigste war dabei auch das Finden von zuverlässigen Partnern in Gestalt von Architekt und Baufirma.

Die größte Last in diesen ganzen Prozessen lag dabei auf den Schultern von Máteffy Hajnalka, der Leiterin des Vereins Feherlofia, die alle Fäden in Keresztúr in der Hand halten musste. Danke an dieser Stelle für ihren großartigen Einsatz und Danke an alle Menschen die Hajnalka den Rücken frei hielten und stärkten!

Danke an Andreas Natuschke, Vorstandsmitglied der RIG, der mehrfach vor Ort das Baugeschehen begleitete und dabei keine Wege, Mühen und Verdienstausfälle scheute, um das Ziel erreichbar zu machen. Danke auch an seine Familie, die viel Verständnis zeigte.

Vierundfünfzig (54) Menschen aus Sachen, der Schweiz, Ungarn und den USA machten sich am 7. Oktober 2009 auf den Weg, um an der feierlichen Eröffnung des Jugendbildungshauses in Keresztúr teilzunehmen. Ein großer Teil flog bis Bukarest, ein anderer Teil reiste mit dem Minibus von Bautzen an.

Am Abend fanden alle in Bran zu einander. Bran, bekannt für das wunderschöne und legendäre Schloss des Grafen Dracula, war die erste Station der Reise. Schließlich sollte nicht nur das Jugendbildungshaus eingeweiht, sondern auch Siebenbürgen entdeckt werden: die Perle vor den Karpaten und Heimat vieler ethnischer Gruppen, wie auch der Siebenbürger Sachsen.

Wir besuchten Bran, Kronstadt und die Kirchenburg von Tartlau, wurden festlich bewirtet im Bischofssaal in Birthälm, wanderten von Birthälm nach Reichsdorf, trafen den einzigartigen Kurator Schaas, der uns vermutlich heute noch mit faszinierenden Geschichten unterhalten würde, wenn wir nicht zum Abendempfang nach Malmkrog hätten aufbrechen müssen.

In Malmkrog erwartete uns ein festlicher Abendempfang beim „Mihai Eminescu Trust“, einer Stiftung des Prinz Charles zur Erhaltung der siebenbürgischen Architektur, mit hausgemachter Samale (Krautwickel), Wein und Apfelsaft sowie einer beeindruckenden Ausstellung zur Arbeit der Stiftung. Dieser Abend machte uns Mut und Hoffnung, besonders angesichts der lebendigen Zeugnisse einer in den letzten zwanzig Jahren zugrunde gegangenen Kultur der Siebenbürger Sachsen.

Lange ließe sich berichten von den beeindruckenden Begegnungen, herrlichen landschaftlichen Impressionen, lustigen Gesprächen auf der Pferdekutsche und weinseligen Abenden, die nahtlos und rasch in den Morgen übergingen.

Der Höhepunkt und das Ziel unserer Reise war jedoch die Eröffnung des neuen Jugendbildungshauses in Keresztúr. Bis zur letzten Minute wurde im Haus gearbeitet und gebaut. Zum Schluss zählte jeder Tag, jede Stunde und eigentlich jede Sekunde.

Am 10. Oktober war es soweit: fast auf den Tag genau 19 Jahre, nachdem die ersten Freiwilligen aus Bautzen sich zu ihrem Dienst nach Keresztúr aufmachten. Was für ein langer Weg liegt inzwischen hinter der Rumänieninitiativgruppe Bautzen – und was für ein Grund zur Freude an diesem Tag!

Der vor einigen Jahren gegründete Partnerverein Feherlofia verantwortet inzwischen die Arbeit vor Ort und kann nun endlich in eigenen Räumen und unter guten Bedingungen seine Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen im Ort entwickeln und gestalten. Ein Grund zur Dankbarkeit für uns alle!

Pünktlich 10.00 Uhr erreichten wir Keresztúr. Als wir ankamen, herrschte überall noch geschäftiges Treiben. Ich fragte: „Sind wir zu zeitig?“ Die prompte Antwort von unserem alten Freund Sebestyen Laszlo: „Nein, zu deutsch!“ Da waren sie also schon wieder, unsere kulturellen Unterschiede. Kurze Zeit später aber begann die festliche Zeremonie.

Reden wurden gehalten, Bänder zerschnitten, festlich gegessen, getrunken. Kinder hatten sich schick gemacht, tanzten und sangen... Ein buntes Programm begleitete uns durch diesen Samstag. Eine herrliche Wanderung am darauf folgenden Sonntag bei schönster Sonne und mit etwa fünfzig Kindern und Jugendlichen hinauf zum Kreuz von Keresztúr und hinab in das Dorf Rugonfalva bot die Möglichkeit, sich wirklich zu begegnen.

In Rugonfalva wurden wir in einem schönen ungarischen Hof mit einem Feuer, einem großen Kessel Suppe und traditioneller ungarischer Csardas-Musik erwartet. Ein buntes Sprachgewirr, Lieder und Spiele begleiteten uns durch diesen schönen Nachmittag – bis unser Bus uns zurückbrachte nach Sighisoara, und die Kinder glücklich und froh mit einigen Pferdewagen den Rückweg nach Keresztúr antraten.

Wir haben es geschafft: das neue Bildungshaus in Keresztúr ist eröffnet!

„Alles hat seine Zeit“ steht im Predigerbuch im Alten Testament. Nun ist es Zeit, dieses schöne Haus lebendig werden zu lassen. Ein guter und wichtiger Ort soll es sein, an dem Menschen Bildung, Trost, Annahme und Ermutigung zum Leben mit auf ihren Weg nehmen können. Besonders für die jungen Menschen in Keresztúr, deren Leben bisher vom Verlassen werden geprägt wurde, deren Eltern sie aus vielerlei Gründen nicht bei sich aufwachsen lassen wollten oder konnten.

Aber auch für all die anderen Menschen in Keresztúr soll dieses Haus ein wichtiger Ort werden. „Kerekudvar“, heißt das Haus. Auf Deutsch bedeutet es: „Rundhaus“.

Das Rundhaus war in alten ungarischen Siedlungen der Mittelpunkt des Ortes. Dort kamen die Menschen zusammen, um Gemeinschaft zu erleben und um über die Geschicke ihres Ortes zu entscheiden. Rundhäuser ermutigen zum Engagement und zum Mittun. Zum sich verantwortlich Fühlen für das was passiert im eigenen Umfeld und zum miteinander Suchen nach guten Wegen für das eigene Leben, aber auch für das Gemeinwesen.

Wir haben es geschafft – aber wir sind noch lange nicht am Ende!

Veröffentlicht am 26.10.09

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