Montag, 12. Dezember 2005

Brief an Freunde

Von Judy Erdman
 












Bild: Judy Erdman mit Judka im Zeltlager

Wie ich Rumänien für mich entdeckte? Rüdiger Steinke hat mich dorthin geführt, im wahrsten Sinne des Wortes.

Zusammen mit ihm und David Johnson wanderten wir im Jahr 2002 am Lake Superior, der in meinem Heimatstaat Minnesota liegt. Eines Abends, bei einem Glas Rotwein machte Rüdiger den Vorschlag, dass man doch mal eine Wanderreise in die rumänischen Karpaten organisieren könnte. Zwei Jahre später taten wir genau das. Zusammen mit dreizig anderen begeisterten Amerikanern wanderten wir zwei Wochen lang durch Rumänien, geleitet von Rüdiger.

Als er dann für 2005 eine zweite Reise dieser Art plante, fragte er mich, ob ich noch einmal mitkommen wollte. Da ich selten eine Sache zweimal mache, verneinte ich. Rüdiger kann sehr hartnäckig sein und so fragte er mich freundlich, aber überzeugend, ob ich mir vorstellen könnte, in Rumänien im Rahmen des Jugendprojekts Feherlofia Englisch zu unterrichten? Ja, das wollte ich gern tun, denn auf diese Art und Weise würde ich das Land besser kennen lernen, als es mir als Tourist jemals gelungen wäre.

Aber das ist noch nicht alles! Rüdiger schlug mir außerdem vor, im Juli für zwei Wochen an einem Camp mit deutschen und rumänischen Jugendlichen in Turia in der Region Tusnad bei Tirgu- Secuiesc teilzunehmen. Ohne Strom und mit einem sehr kalten Bach als fließend Wasser. Ich sagte Rüdiger zwar, dass ich noch niemals zuvor Zelten war, aber er gewann mich auch für diese Idee – was gut war, denn dort lernte ich schon viele von den Kindern kennen, mit denen ich später bei Feherlofia arbeiten sollte.

Ich kam nach Keresztúr, rumänisch Cristuru-Secuiesc, an einem Sonntag Abend mit einem Bus voller Jugendlicher, die vorher mit Mateffy Hajnalka im Sommerlager in der Nähe von Bautzen gezeltet hatten. Es war der 31. August. Zsofi, Kristina (Kinder aus dem Familienhaus*) und ihre Freundin Brigitta halfen mir gleich, mein Gepäck auszuladen, das ich in vier Kategorien gepackt hatte. Für heißes und kaltes Wetter, Lehrbücher und Dinge fürs Zeltlager. Nun war ich also im Familienhaus (Judy war im Familienhaus der Rumänieninitiativgruppe untergebracht*) – wo Imre Robert und Jana mit ihren neun Kindern leben: Enikö, Jenö, Julian, Gyöngyi, Zsofia, Edward und Kristina – alles ehemalige Heimkinder – sowie Fanny und Florian (die beiden eigenen Kinder von Jana und Robert*), die zur Zeit acht und fünf Jahre alt sind. Es war wirklich wunderbar, die zwischenmenschlichen Beziehungen im Familienhaus zu beobachten. Es ist so rührend. Sie sind alle glücklich und gesund und sie genießen das gemeinsame Leben in der Großfamilie. Auch Roberts Großmutter „Mama“ lebt dort im Winter und gleich nach unserer Ankunft, als Robert und Jana noch nicht da waren, kochte sie als erstes für uns Essen. Erszebet, Roberst Mutter spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, sie kümmert sich vor allem um die jüngeren Kinder, wenn sie Hilfe brauchen.

Meine Arbeit bei Feherlofia bestand vor allem darin, die lernwilligen Kinder in Englisch zu unterrichten, obwohl einige lieber Deutsch lernen wollten, und freitags gemeinsam mit Mateffy Hajnalka den Tag mit verschiedenen Aktivitäten, wie Volleyball und Fußball oder Basteln und Nadelarbeit zu gestalten. Zusammen mit Hajni haben die Kinder gerne auch andere tolle Dinge unternommen, so haben sie zum Beispiel die amerikanische Reisegruppe mit einem festlich geschmückten Tisch begrüßt, als sie bei uns Halt gemacht hatten und mich ebenso festlich mit einer Kaffeetafel und einem bunten Nachmittag verabschiedet. Sie begegneten mir liebevoll, fürsorglich und voller Respekt. Wenn ich sie traf, fragten sie mich oft als erstes, “Judy, gehts dir gut? Fühlst du dich wohl?��?

Wie sehr wünsche ich diesen Kindern eine Welt, die fair und gerecht ist, die ihnen die Möglichkeit gibt, zu ihrem Recht zu kommen, hart zu arbeiten und die Früchte ihrer Arbeit zu ernten. Aber diese Welt ist noch fern und ich habe einige Ideen und Empfehlungen, die ich als als guten Rat geben möchte.

Als erstes: Wenn die Kinder wirklich bestrebt sein sollen, Englisch zu lernen, dann sollte das in einem fortlaufenden Programm geschehen, mit einer Struktur, die sich in jährlich aufeinander aufbauenden Schritten vollzieht. Schicken Sie keinen Lehrer in die Klasse, der nicht im Bilde über die bisherigen Kenntnisse und Lernfortschritte der Schüler ist. Ein gutes Lehrbuch sollte dabei eine große Hilfe sein. Kurz gesagt muss der Unterricht besser strukturiert werden.

Meine zweite Empfehlung betrifft die Aufgabe, den Kindern beizubringen, Verantwortung für ihre Zukunft zu übernehmen. Sie müssen erkennen, dass sie nicht für alle Zeit mit wirtschaftlicher Hilfe von außen rechnen können. Wie wollen sie ihren Weg ins Leben finden? Was und wo würden sie gern in zehn Jahren sein? Sie könnten zum Beispiel lernen, ihren kreativen Werken einen Wert zu geben und sie zu vermarkten. Am wichtigsten scheint mir, ihnen bewusst zu machen, dass es eine Zukunft für Sie gibt, an der sie teilhaben können, und diejenigen zu unterstützen, die ihr Leben positiv, hilfsbereit und konstruktiv gestalten.

Während meiner Zeit in Rumänien habe ich ein Buch von Jeffrey D. Sachs gelesen mit dem Titel “Das Ende der Armut��?. Der Autor hat einen internationalen Plan vorgelegt, mit dem Ziel, die extreme Armut bis zum Jahr 2025 zu überwinden. Am Ende des Buches zitiert er Robert F. Kennedy wie folgt.

“Lasst niemanden entmutigt sein in dem Glauben, ein einzelner Mensch könne nichts gegen die enormen Probleme dieser Welt tun. Die Geschichte der Menschheit ist geprägt durch unzählige Taten von Courage und Überzeugung. Jedes Mal, wenn ein Mensch für ein Ideal einsteht oder handelt, um andere zu einem sinnvolleren Leben zu bewegen, sendet er ein Zeichen der Hoffung. Und gemeinsam mit Millionen dieser Gesten des Mutes und der Energie vereinen sich die Wellen der Ereignisse zu einem Strom, der die mächtigsten Mauern von Unterdrückung und Widerstand nieder reißen kann.��?

Sie, die Freunde der Rumänieninitiativgruppe Bautzen, sind ein Beispiel dafür, wie Menschen weltweit solche Wellen der Hoffnung aussenden können, hin zu denen, die Zuspruch und Hilfe brauchen. Ich bewundere Ihre Arbeit.

Judy Erdmann

21. November 2005

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